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Das Arbeiten in anderer Atmosphäre interessiert mich schon seit einiger Zeit und ich liebe mittlerweile mein Coworking-Space in Frankfurt (Oder).
Erst heute habe ich gelesen, das Zalando in seinem neu fertiggestellten Hauptquartier die Form der neuen Arbeit etablieren will. Die Mitarbeiter haben keine festen Arbeitsplätze mehr, sondern können sich ihren Platz ganz so aussuchen wie ihnen gerade danach ist. Die Dachterrasse lädt zum Relaxen ein und ein Basketballfeld steht auch zur Verfügung.
Das neue Apple-Hauptquartier, genannt das Ufo, in Cupertino bietet seinen Mitarbeitern eine riesige Parklandschaft mit 9000 Bäumen und ein Yoga-Center.

Frithjof Bergmann und der Begriff New Work

Warum all das? Dazu muss man sich mal die Theorien von dem Sozialphilosophen Frithjof Bergmann ansehen. Er sah die Notwendigkeit einer neuen Arbeitskultur als Konsequenz aus der Globalisierung und der Digitalisierung.
Veraltete Arbeitsstrukturen müssen ersetzt werden durch flexiblere. Dazu gehört, dass der Arbeitnehmer entscheiden kann wo, wann und wie er arbeiten möchte. Das ganze nannte er New Work (Neue Arbeit).

“Es geht uns um die Schaffung einer Gesellschaft und Kultur, in der wirklich jeder, Mann oder Frau, die Chance bekommt, einen beträchtlichen Teil seiner Zeit mit einer Arbeit zu verbringen, die er oder sie erfüllend und faszinierend findet und die die Menschen aufbaut und ihnen mehr Kraft und mehr Vitalität gibt”

Frithjof Bergmann: Neue Arbeit, Neue Kultur.

Wer denkt, dass dies zur Verminderung der Arbeitsleistung führt, irrt sich. Genau das Gegenteil ist der Fall. Der Arbeitnehmer ist motivierter, kreativer und quantitativer.

Ich merke es an mir selbst, dass dies der Fall ist. Wenn ich im BLOK-O in Frankfurt (Oder) sitze schaffe ich mehr, als wenn ich zu Hause bin oder in der Geschäftsstelle.
Das kann ich allerdings nur im Fall meines Ehrenamtes sagen. In meinen regulären Job lässt sich so ein Modell sehr schwer umsetzen. Klar habe ich ein Schichtsystem, welches es mir erlaubt mehrere Tage am Stück frei zu haben. In der Produktion kann man aber sehr schwer bis überhaupt keine flexiblen Arbeitsweisen einführen.

Die neue Arbeitswelt wird aber nicht nur von größeren Firmen praktiziert. Viele Gründer, Freiberufler und Blogger nutzen zum Beispiel diese neuen Möglichkeiten, um sich zu entfalten, und auf einer anderen Art und Weise ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Orte wo man das sehr gut kann, sind sogenannte Coworking-Spaces.

Coworking-Space Geschenk
Ein Geschenk zur Begrüßung im St. Oberholz

Das Coworking-Space St. Oberholz

Den Grundstein der deutschen Szene der Coworking-Spaces legte quasi Ansgar Oberholz 2005 mit dem St. Oberholz, am Rosenthaler Platz in Berlin. Anfangs eigentlich als Café gedacht entwickelte es sich mehr und mehr zu einem Coworking-Space.
Gleich um die Ecke, in der Zehdenicker Straße befindet sich ein weiterer Standort unter den Namen St. Oberholz.
Das BLOK-O in Frankfurt (Oder) wird, im Auftrag der Sparda-Bank, vom St. Oberholz betrieben. Am Gleisdreieck (B-Part) und in Biesenthal (Wehrmühle Biesenthal) befinden sich in Zukunft zwei weitere Standorte.

Aufgrund eines Termins in Potsdam, der aber erst abends war, kam ich auf die Idee, das St. Oberholz am Rosenthaler Platz zu besuchen. Scheinbar hatte es sich schon rumgesprochen, dass ich vorbeischaue. Das Personal begrüßte mich jedenfalls freudig und man wusste auch sofort, wer ich den sei. Dazu hatte man ein kleines Geschenk, in Form eines Notizbuches für mich vorbereitet.
Zu meiner Überraschung sagte man mir dann auch das ich hier die gleichen Annehmlichkeiten wie im BLOK-O genießen kann. Das hieß also mein geliebter Filtercafé for Free für mich.

Coworking-Space Flat White
Der berühmte Flat White des St. Oberholz


Eine kurze Führung folgte und schon konnte ich im Obergeschoss Platz nehmen. Ich entschied mich, für einen Platz an einer großen Tischreihe die umgeben waren von, zum Teil abgesessenen Stühlen. Aber gerade dies verleiht dem Raum sein gewisses Flair.

Die Fensterreihe, die zum Teil auch zum Sitzen einlädt, gibt den Blick frei, auf den Rosenthaler Platz. Anders als in Frankfurt (Oder) verspürt man hier ein wahres Großstadttreiben.
Eine große Wand im hinteren Bereich des Obergeschosses ist fast komplett schwarz-weiß gefliest. Als Steckdosen hängeneinfach Verlängerungskabel runter und die Lampen haben keinen Schirm. Alles hat einen minimalistisch schönen Charme.

Coworking-Space Fenster
Blick aus dem St. Oberholz auf den Rosenthaler Platz

Vom Obergeschoss gelangt man über eine hölzerne, knarzende Wendeltreppe in das untere Geschoss. Dort befindet sich der Café-Bereich, in dem auch die Tagesbesucher arbeiten können. Hier ist es aber deutlich unruhiger als im oberen Bereich.
Die Fensterreihen hier sind gesäumt von Tischen mit Blick auf die Straße. Im hinteren Bereich ist eine gewölbte Decke, die aussieht, als wäre sie, dem Alter geschuldet, grün angelaufen. Beim näheren Hinsehen sieht man aber, dass es glänzend gestrichen ist.

Im unteren wie auch im oberen Bereich war man wirklich bemüht, trotz der modernen Arbeitswelt, welches das St. Oberholz ja bieten soll, das alte Flair des Hauses beizubehalten. Das sieht man zum Beispiel deutlich an den Stuckleisten, die zum Teil nicht extra aufwendig restauriert wurden.
Ich finde, all das wirkt sehr einladend und es macht nach außen nicht wirklich den Eindruck, als wäre das ein Coworking-Space. Hauptgrund ist sicherlich das Café, mit einer sehr reichhaltigen Getränke- und Speisenauswahl.

Coworking-Space Treppe
Hölzerne Wendeltreppe im Coworking-Space St. Oberholz

Ich gehe nicht wirklich mit geschlossenen Augen durch die Welt, aber warum ich solche Orte nicht schon früher für mich entdeckt habe ist schleierhaft. Immerhin beschäftige ich mich mit der Digitalisierung seit Jahren und so schnell kann man mir beim Thema Internet nichts vormachen. Warum ich erst 2019 so was entdecke, wird immer ein Rätsel bleiben. Im St. Oberholz fühlte ich mich so wohl das ich gut sechs Stunden geblieben. Und ich bin mir ziemlich sicher das es auch nicht die letzten Stunden gewesen sein werden.

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